SlowMedia & Religion: Entschleunigtes Denken und Stille

Ramana

Heute habe ich das 576 Seiten starke Werk des indischen Weisen Ramana Maharshi (1879-1950) „Gespräche des Weisen vom Berge Arunachala “ nach sage und schreibe 15 Monaten fertig gelesen. „Mutig“ sagen Sie, so offen mit Langlesertum anzugeben? Normalerweise lese ich Bücher, auch religiös-spirituelle Werke wie dieses in einem Bruchteil der Zeit. Wieso verhält es sich mit diesem Buch anders? Weshalb schaffe ich täglich nicht mehr als 3 Seiten?

Mich haben die Beiträge zum Slow Media Manifest, das Sabria David, Benedikt Köhler und Jörg Blumtritt ins Leben gerufen haben, vielfältig inspiriiert. Ich meine, mit meinen Gedanken zu diesem Buch (und anderen Werke Ramana Maharshis) etwas zur Debatte beitragen zu können.

Mich fasziniert an Ramanas zeitlosen Büchern, dass sie nicht allein den Verstand ansprechen und zum Nachdenken anregen, sondern vor allem das Denken entschleunigen, beruhigen und zeitweise auch beenden. Oft passiert es mir, dass ich ein paar Zeilen lese und dann in eine Stille komme, die nichts zu tun hat mit räumlicher Stille, die in Dezibel messbar ist. Diese Stille ist innerlich, eine Art Frieden oder innere Ruhe. Worte greifen zu kurz, um diesen Zustand zu beschreiben. Es ist kein ungewöhnlicher mystischer Zustand, keine Ekstase einer Teresa von Avila oder einer Trunkenheit in Gott, wie es der Sufimeister Rumi beschreibt.  Carlos Castanedas „Don Juan“ würde wohl von „Stopping the World“ sprechen. Systemtheoretiker Luhmannsche Provenienz würden wohl das Aussetzen der System-Umwelt-Differenzierung theoretisieren, das zum temporären Auflösen des psychischen Systems (dessen Elemente die Gedanken sind)  führt..


Dieses Buch handelt von Dialogen zwischen Ramana Maharshi und seinen Schüler, ist daher weder Roman noch Lehrbuch. In einer typischen Dialogsituation fragt ein Schüler, wie er am schnellsten Erleuchtung erlangen könne oder welcher Gott nun der Wahre sei. Der alte Weise antwortet meist: Such den Ursprung bzw die Wurzel dieses Gedanken. In wem erscheint die Frage? Dann erübrigt sich die Frage. Du wirst Dein wahres Wesen erkennen und wer Du wirklich bist.

 Ich erfasse diesen Dialog bzw den Ratschlag nicht rein kognitiv, sondern lasse ihn auf einer Ebene zu. Ich führe selbst die Übung durch, die dem Schüler empfohlen wurde. Interessanterweise mache ich das nicht bewusst wie bei trainingsorientierter Literatur, indem ich eine Übung beginne,  sondern falle regelrecht in diesen Zustand der Stille. Mit aktiven, wollenden Üben funktioniert es wenig. Es ist Loslassen notwendig für diese Lesart von Slow Media-Literatur.

 Diese Lesart hat keinen Sinn, Zweck und Ziel. Die Kontemplation hat ihre eigene Dignität. Sie ist nicht Mittel zum Zweck. Vielleicht ist das ein generelles Merkmal bei Slow Media.

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